Große Ehre für die Gründerin der Selbsthilfegruppe „Leben ohne Dich“ Andernach
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeichnet Martina Ihrlich aus Mülheim-Kärlich mit dem Bundesverdienstkreuz aus – Schicksalsschlag gibt Kraft
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Mülheim-Kärlicherin Martina Ihrlich kürzlich bei seinem dreitägigen Aufenthalt in Andernach „Ortszeit Deutschland“ mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (Bundesverdienstkreuz) ausgezeichnet. Im Spiegelsaal in Schloß „Burg Namedy“ würdigte der Bundespräsident ihren langjährigen ehrenamtlichen Einsatz für Trauernde: Bei regelmäßigen monatlichen Gruppentreffen und in Einzelgesprächen spendet sie trauernden Angehörigen Trost und organisiert ebenso Gottesdienste und gibt damit vielen Betroffenen neue Kraft, betonte Frank-Walter Steinmeier.
Auslöser: Schwerer Schicksalsschlag
Auslöser für die jahrzehntelange ehrenamtliche Tätigkeit von Martina Ihrlich und ihrem Mann Hans-Peter Ihrlich ist ein schwerer Schicksalsschlag gewesen: Ihr Sohn ist im Alter von 21 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Auf der Suche nach Möglichkeiten, wie sie dieses Erlebnis verarbeiten und mit ihrem Schmerz und Trauer umgehen könnten, suchte Hans-Peter Ihrlich auch mit Hilfe des Internets und stieß auf die im Jahr 2000 in Mülheim an der Ruhr gegründete Selbsthilfegruppe „Leben ohne Dich“. „Wir haben vorher überall gesucht und ich habe auch mit Hilfe des Computers recherchiert, wo man Hilfe finden kann.“ Es gab sonst kein Konzept und keine Angebote in der Region.
„Wir haben die Treffen des Vereins in Mülheim besucht und gemerkt, wie hilfreich es war, sich mit anderen auszutauschen. Es war so großartig für uns, dies zu erleben und beschlossen, dies auch für andere Eltern vor Ort anzubieten,“ schildert Martina Ihrlich.
Große Resonanz bei erstem Treffen
Es folgte ein Inserat im Mitteilungsblatt und die Unsicherheit, ob überhaupt jemand zu dem Treffen kommen würde. „Dann waren wir wie erschlagen: Direkt am ersten Abend waren mehr als 20 Eltern da, die aus einem Umkreis von mehr als 100 Kilometern kamen – aus dem Westerwald und sogar aus Aachen und Köln -, weil es sonst nichts gab.
Die Gruppe Andernach (Koblenz) formierte sich im Juli des Jahres 2004 als eigenständige Selbsthilfegruppe innerhalb des Vereins „Leben ohne Dich e.V.“ mit Sitz in Mülheim, den Hans-Peter Ihrlich seit dem Jahr 2018 auch als Vorsitzender leitet. Er bleibt mehr im Hintergrund, unterstützt seine Frau jedoch bei der Organisation und ist auch bei den Treffen mit dabei und dient als Ansprechpartner.
Ausbildung als Trauerbegleiterin
Um die Treffen erfüllend zu gestalten und sicher leiten zu können, ließ sich Martina Ihrlich in den Jahren 2005 bis 2007 zur Trauerbegleiterin ausbilden. Im Laufe der Zeit betreute sie bei den Treffen der Selbsthilfegruppe Andernach sowie in Einzelgesprächen etwa 350 bis 400 Menschen, hauptsächlich verwaiste Eltern, aber auch Frauen und Männer, die ihren Partner/in verloren haben. Die Hilfesuchenden kommen teilweise durch die Information über die Medien, teilweise aber auch über die Empfehlung von Ärzten.
Gesprächskreis in Andernach
Der Gesprächskreis findet einmal im Monat als offenes Treffen von 19.30 Uhr bis etwa 22 Uhr in der Familienbildungsstätte Andernach, Ludwig Hillesheim Straße 3, statt. Der nächste ist 1. Dezember. „Ich moderiere den Abend über ein Thema. Die verstorbenen Kinder sind mit dabei wie etwa über Andenken oder Fotos.“ Dies sei sehr wichtig, es sei eine Art „Verabredung“ mit dem Kind, da außerhalb der Gruppe die Menschen sonst meist nach längerer Zeit niemand mehr hätten, mit dem sie über den Verlust sprechen könnten. Und in der Gruppe stoßen sie auf Gleichgesinnte. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer würden geschützt und das Gesprochene bliebe innerhalb der Gruppe.
Gottesdienst im Mariendom
Im Mariendom in Andernach bietet Martina Ihrlich am 2. Sonntag im Dezember, am Tag der verstorbenen Kinder, am 14. Dezember, um 14.30 Uhr auch einen Gottesdienst an.
Für bis zu 50 Eltern organisieren Martina und Hans-Peter Ihrlich zudem eine Ferienwoche in Burgstall in Südtirol in Italien, wobei es auf 2000 Metern in einer Kapelle ebenso ein besonderes Andenken gibt.
Martina Ihrlich ist bereits im Jahr 2014 mit dem Ehrenamtspreis der Stadt Andernach ausgezeichnet worden. Von der geplanten Auszeichnung durch den Bundespräsidenten erfuhren sie über ein Telefongespräch im Urlaub. Dabei waren sie so überrascht, dass sie den Anruf aus dem Bundespräsidialamt zuerst für einen Fake hielten.
Den Bundespräsidenten nahmen sie in Namedy als „ganz toller Mensch, sympathisch, bodenständig und gar nicht abgehoben“ wahr.
„Bei der Verleihung bin ich sehr aufgeregt gewesen. Das Bundesverdienstkreuz trage ich stellvertretend für die vielen anderen, die mich unterstützt haben und nehme es daher auch mit im kommenden Jahr, wenn der Verein Leben ohne Dich im kommenden September in Gladbeck sein Jubiläum feiert“, schildert Martina Ihrlich. „Wir denken oft an unseren Sohn. Wenn es irgendeinen Sinn hätte, dass unser Kind sterben musste, dann vielleicht, dass wir nun anderen Menschen helfen.“
Weitere Infos zur Selbsthilfegruppe Andernach (Koblenz) im Internet unter www.leben-ohne-dich.de und telefonisch unter 02630-4422 beziehungsweise an shg-andernach@lebenohnedich.de per E-Mail.

